
Glossar
Systemische Grundbegriffe
Systemische Therapie
Ein therapeutischer Ansatz, der Menschen nicht isoliert betrachtet, sondern in ihren Beziehungssystemen – Familie, Partnerschaft, Herkunft, Arbeit. Probleme werden als Ausdruck von Mustern innerhalb dieser Systeme verstanden, nicht als individueller Defekt. Veränderung entsteht, indem man diese Muster sichtbar macht und neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet.
Systemische Beratung
Eng verwandt mit der systemischen Therapie, mit Fokus auf Beratung und Begleitung bei konkreten Anliegen, Entscheidungen und Lebensfragen. Arbeitet mit denselben Grundhaltungen: Ressourcenorientierung, Lösungsfokus, Allparteilichkeit.
System
In der systemischen Arbeit jede Gruppe von Menschen, die in Beziehung zueinander stehen und sich gegenseitig beeinflussen – etwa eine Familie, ein Paar oder ein Team. Das Verhalten Einzelner wird immer im Zusammenspiel des ganzen Systems verstanden.
Ressourcenorientierung
Eine Grundhaltung, die den Blick auf Stärken, Fähigkeiten und bereits Gelungenes richtet, statt auf Defizite. Die Annahme: Jeder Mensch trägt die Ressourcen zur Veränderung bereits in sich. Aufgabe der Therapeutin ist, sie sichtbar und nutzbar zu machen.
Lösungsfokussierung
Ein Arbeitsprinzip, das weniger nach Ursachen von Problemen gräbt, sondern nach dem gewünschten Zustand fragt: Was soll anders sein? Woran würden Sie merken, dass es besser wird? Dieser Blick nach vorn aktiviert Handlungsfähigkeit.
Allparteilichkeit
Die Haltung der Therapeutin, in der Arbeit mit mehreren Menschen (Paar, Familie) mit allen zugleich verbunden zu sein – niemandem Recht zu geben, aber jeden zu verstehen. So entsteht ein Raum, in dem sich alle sicher fühlen.
Selbstwirksamkeit
Die Überzeugung, das eigene Leben durch eigenes Handeln beeinflussen zu können. Ein zentrales Ziel systemischer Arbeit: Menschen erleben wieder, dass sie gestalten können, statt ausgeliefert zu sein.
Methoden
Genogramm
Eine Art Landkarte der Familie über mehrere Generationen. Im Genogramm werden Beziehungen, Rollen, Brüche und wiederkehrende Muster grafisch dargestellt. Oft wird dabei sichtbar, wie Prägungen – etwa Ängste oder Glaubenssätze – über Generationen weitergegeben wurden. Ein häufiger „Aha-Moment” in der Therapie.
Zirkuläre Fragen
Fragen, die nicht direkt nach der eigenen Sicht fragen, sondern nach der Perspektive anderer: „Was würde Ihre Tochter sagen, wie es Ihnen geht?” Solche Fragen eröffnen neue Blickwinkel und lockern festgefahrene Sichtweisen.
Hypothetische Fragen
Fragen, die mögliche Zukünfte durchspielen: „Angenommen, das Problem wäre gelöst – was wäre dann anders?” Sie machen Wünsche und Ziele greifbar und aktivieren Vorstellungskraft für Veränderung.
Skalierungsfragen
Fragen, die Zustände auf einer Skala von 0 bis 10 verorten: „Wo stehen Sie heute, wo möchten Sie hin?” Sie machen Fortschritt sichtbar und Ziele konkret.
Regeltransformation
Eine Methode, um belastende innere Regeln („Ich muss es allen recht machen”) zu erkennen und in tragfähigere umzuwandeln. Alte, oft in der Kindheit erlernte Regeln werden hinterfragt und neu geschrieben.
Krafttank
Eine ressourcenorientierte Visualisierungsmethode: Gemeinsam wird sichtbar gemacht, was Kraft und Energie gibt – Menschen, Tätigkeiten, Orte. Das entstehende Bild dient als Stütze für schwierige Phasen.
Ressourcenbaum
Eine bildhafte Methode, bei der ein Baum die eigene Person darstellt: Wurzeln (was gibt Halt), Stamm (Stärken), Krone (Erreichtes), Himmel (Wünsche). Besonders wirksam, um Selbstwert erlebbar zu machen.
Reframing
Das Umdeuten einer Situation in einen neuen Bedeutungsrahmen. Was als Schwäche erscheint, kann in anderem Licht eine Schutzfunktion oder Stärke sein. Reframing eröffnet neue Handlungsspielräume.
Aktives Zuhören
Eine Gesprächshaltung, bei der die Therapeutin aufmerksam, wertfrei und spiegelnd zuhört. Für viele Menschen ist das echte Gehört-Werden bereits ein entlastender, heilsamer Schritt.
Spiegeln
Das Zurückgeben des Gehörten in eigenen Worten. Klient*innen fühlen sich verstanden und hören ihre eigenen Themen aus neuer Perspektive.
Psychologische Konzepte
Inneres Kind
Ein Bild für die in uns fortlebenden kindlichen Gefühle, Bedürfnisse und Prägungen. Die Arbeit mit dem inneren Kind hilft, alte Verletzungen zu verstehen und unerfüllte Bedürfnisse heute anders zu versorgen.
Glaubenssätze
Tief verankerte innere Überzeugungen über sich selbst und die Welt, oft in der Kindheit entstanden („Ich bin nicht gut genug”, „Ich muss funktionieren”). Sie wirken unbewusst und prägen Verhalten. In der Therapie werden sie erkannt und verändert.
Mental Load
Die unsichtbare Last des Mitdenkens und Organisierens im Alltag – wer weiß, wann das Kind zum Arzt muss, wann Geschenke besorgt werden, was im Kühlschrank fehlt. Oft ungleich verteilt, häufig bei Müttern. Chronischer Mental Load führt zu Erschöpfung.
Selbstwert
Das grundlegende Gefühl des eigenen Werts, unabhängig von Leistung. Ein geringer Selbstwert entsteht oft durch frühe Abwertung und zeigt sich in Selbstkritik und dem Gefühl, nicht zu genügen.
Selbstfürsorge
Die Fähigkeit, für die eigenen Bedürfnisse zu sorgen, Grenzen zu setzen und „Nein” zu sagen. Für viele, die gelernt haben, vor allem für andere da zu sein, ein wichtiger Lernweg.
Transgenerationale Weitergabe
Die unbewusste Übertragung von Prägungen, Ängsten und Mustern von einer Generation zur nächsten. Was Großeltern erlebten, kann sich in den Enkeln noch auswirken. Im Genogramm oft eindrücklich sichtbar.
Mehrgenerationenperspektive
Der Blick auf mehrere Familiengenerationen zugleich, um wiederkehrende Muster zu verstehen. Grundlage der Genogramm-Arbeit.
Verstrickung
Ein Zustand, in dem jemand unbewusst in die Gefühle, Aufträge oder Konflikte anderer Familienmitglieder eingebunden ist – etwa als „Vermittler” zwischen den Eltern. Systemische Arbeit hilft, sich zu entwirren.
Parentifizierung
Wenn ein Kind früh Verantwortung für Eltern oder Geschwister übernimmt und so seine eigene Kindheit zurückstellt. Die Folgen – übermäßiges Verantwortungsgefühl, Schwierigkeit loszulassen – reichen oft bis ins Erwachsenenalter.
Kollusion
Ein unbewusstes Zusammenspiel in Paarbeziehungen, bei dem sich die Muster beider Partner ergänzen und gegenseitig verstärken – oft die Wurzel wiederkehrender Konflikte.
Kommunikationsmuster (nach Satir)
Die Familientherapeutin Virginia Satir beschrieb typische Muster in Stresssituationen: Beschwichtigen, Anklagen, Rationalisieren, Ablenken. Das Erkennen des eigenen Musters ist ein Schritt zu klarerer Kommunikation.
Resilienz
Die psychische Widerstandskraft, mit Belastungen und Krisen umzugehen und daran zu wachsen. Resilienz ist nicht angeboren, sondern entwickelbar.
Soziotherapie & Versorgung
Soziotherapie
Eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung nach § 37a SGB V für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Sie unterstützt dabei, ärztliche und therapeutische Hilfen selbstständig in Anspruch zu nehmen, den Alltag zu strukturieren und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden.
§ 37a SGB V
Der Paragraf im Fünften Sozialgesetzbuch, der den Anspruch auf Soziotherapie regelt. Er gewährt bis zu 120 Stunden innerhalb von drei Jahren je Krankheitsfall.
Verordnung 28
Das ärztliche Formular, mit dem die soziotherapeutische Probatorik verordnet wird. Ausgestellt von Ihrer Hausärztin, Ihrem Hausarzt oder jeder Fachärztin bzw. jedem Facharzt. Mit Verordnung 28 kann sofort gestartet werden – ganz ohne vorherige Genehmigung der Krankenkasse. Sie ermöglicht bis zu 5 Sitzungen zur Indikationsstellung.
Probatorik
Die ersten bis zu 5 Sitzungen der Soziotherapie, ermöglicht durch die Verordnung 28. In dieser Zeit lernen sich Therapeutin und Klient*in kennen und klären gemeinsam, ob und wie eine weiterführende Begleitung sinnvoll ist. Die Probatorik ist genehmigungsfrei und zählt zum Gesamtkontingent von 120 Stunden dazu.
Soziotherapeutischer Betreuungsplan
Ein gemeinsam erstellter Plan (Verordnung 27), der Ziele und Schritte der weiterführenden Soziotherapie festhält. Er wird der Krankenkasse zusammen mit der Verordnung 26 zur Genehmigung vorgelegt und bildet die Grundlage der Zusammenarbeit.
Verordnung 26/27
Das Formularpaar, mit dem die Soziotherapie über die Probatorik hinaus fortgesetzt wird. Ausgestellt von einer Fachärztin, einem Facharzt oder einer psychologischen Psychotherapeutin/einem psychologischen Psychotherapeuten. Verordnung 26 und 27 gehören immer zusammen und bilden gemeinsam mit dem Behandlungsplan die Grundlage für die Genehmigung durch die Krankenkasse.
Leistungserbringer
Die Fachperson oder Einrichtung, die eine Kassenleistung erbringt – im Fall der Soziotherapie die zugelassene Soziotherapeutin. Grundlage ist ein Versorgungsvertrag mit den Krankenkassen.
Zuzahlung
Der gesetzliche Eigenanteil bei Kassenleistungen. Bei Soziotherapie 10 % je Tag (mindestens 5, höchstens 10 €), sofern keine Befreiung vorliegt.
Ambulant betreutes Wohnen (BeWo)
Eine Unterstützungsform, bei der Menschen mit psychischer Erkrankung in ihrer eigenen Wohnung begleitet werden, um selbstständig zu leben. Ein Erfahrungsfeld, aus dem heraus soziotherapeutische Kompetenz wächst.
Psychische Erkrankung
Ein Sammelbegriff für Erkrankungen, die Denken, Fühlen und Verhalten betreffen – etwa Depression, Angststörungen, Schizophrenie oder bipolare Störungen. Sie sind behandelbar; frühe Hilfe verbessert die Prognose.
Depression
Eine ernste psychische Erkrankung mit anhaltender Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Interessenverlust. Schwere Verläufe können eine Indikation für Soziotherapie sein.
Formate & Rahmen
Einzeltherapie
Therapeutische Arbeit im geschützten Rahmen zwischen einer Person und der Therapeutin. Geeignet für persönliche Themen wie Selbstwert, Erschöpfung, Lebensübergänge.
Paartherapie
Gemeinsame Arbeit beider Partner an Konflikten, Kommunikation und Neuorientierung. Die Therapeutin bleibt allparteilich.
Familientherapie
Arbeit mit mehreren Familienmitgliedern an Spannungen, Rollen und Mustern im Familiensystem.
Erstgespräch
Das erste, unverbindliche Kennenlernen. Hier wird geklärt, worum es geht, wie gearbeitet wird und ob die Chemie stimmt – die Basis jeder guten Zusammenarbeit.
Setting
Der äußere Rahmen der Therapie: Ort, Dauer, Frequenz, Präsenz oder online. Ein klares Setting gibt Sicherheit und Struktur.
Schweigepflicht
Die gesetzliche Verpflichtung zur Verschwiegenheit. Alles, was in der Therapie besprochen wird, bleibt vertraulich – eine Grundvoraussetzung für Vertrauen.